Einfache und präzise Handhabung als Instrument einer unendlichen Kommunikation – eines ästhetischen, eines gesellschaftspolitischen, eines integrativen und interaktiven Multilogs: Das zeigt eine Ausstellung zum Werk eines der sensibelsten Plastikers Deutschland, Wolfgang Nestler. Anhand einer Auswahl von ca. 40 Werken aus sieben Jahrzehnten wird ein Einblick in ein plastisches Denken möglich, das Herz und Hand, Gefühl und Verstand, Körper und Wahrnehmung in ein Gleichgewicht bringt.
 
Der Bildhauer und Mediator Wolfgang Nestler (*1943) studierte von 1967 bis 1973 in Düsseldorf bei Prof. Erwin Heerich. Ab Ende der 1960er entwickelte er vornehmlich mittels der Metallbildhauerei bzw. Schmiedekunst eine eigensinnige Formensprache, deren zentrales Thema die Realisation energetisch-dynamischer Material- und Formzustände ist. Damit erweiterte Nestler das skulpturale Objekt zum ästhetischen Handlungsfeld, das potenziell unendliche Formwirklichkeiten ermöglicht. 1977 und 1987 nahm er an der documenta Kassel teil. Von 1990 bis 2007 war er Professor für Plastik und Bildhauerei an der HBK Saarbrücken.
 
Die Metallkörper, die Holzfiguren, die Kombinationen aus Seilen und Metallstäben, die blechernen Auffaltungen, die linearen und schwergewichtigen Raumzeichnungen sind materialisierte Aufforderungen, mit Körper und Geist am Werkprozess teilzuhaben.
Die Bodenstriche, Kreissegmente, Kuben, Pyramiden, die geschweißten, gegossenen, gedrechselten Elemente sind einerseits stereometrische Orientierungszeichen für den Künstler und die Betrachter:innen, andererseits bilden sie im Zusammenklang  immer wieder aufs Neue ein poetisch-humanistisch aufgeladenes Narrativ: eine Choreografie eines In- und Miteinanders, einer Gemeinschaft in endloser Bewegung.
 
Die eigens für die Räume des Kunstverein Kunsthaus Potsdam konzipierte Ausstellung transportiert ein wesentliches Moment der Arbeiten des Plastikers. Es werden Werke gezeigt, die aus einer partizipativen Haltung heraus entstanden sind; meisterhafte und doch immer improvisierte Gestaltungen, geladen mit einer fast unbändigen Lebensenergie, die obendrein im grundsätzlich probeweisen Ruhezustand, einer lauernden Bewegung, aufblitzt. Die Werke warten darauf, im Imaginären oder im Realen, vom Augen-, Tast- und Gleichgewichtssinn genutzt zu werden, um sich, den Raum, den Blick und vor allem uns zu verändern.
 
Roland Scotti, Kurator; Arbon, Mai 2024